Selbstverständnis

Selbstverständnis des Frankfurter Instituts für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie.

Stand: Sommersemester 2008

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Das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie hat sich als Ziel gesetzt, Denken und Wissen zu fördern, mit deren Hilfe in aktuellen Prozessen medialer, sozialer, ökonomischer und politischer Selbstorganisation beratende Beteiligung auf hohem Niveau möglich ist.

Was sind unsere Schwerpunkte?

Wir befassen uns vorrangig mit Fragen, wie Menschen sich auf natürliche und von ihnen erfundene, entworfene, gestaltete oder experimentell „gemachte“ Mit- und Umwelten beziehen. Damit beziehen wir uns auf die prinzipiell offenen und form-ungebundenen Fähigkeiten des Menschen, „mit sich“, „aus sich“ und mit seinen materiellen Umwelten „was zu machen“. Die Kunst des Menschen, sein Leben als eigenwillige und eigenwertige Zusammenhänge zu organisieren, ist unsere wissenschaftliche Grundlinie.

Die Varietät menschlichen Lebens erfordert immer wieder neu, sich den Dynamiken menschlicher Selbstorganisation zu stellen, ganz gleich, ob uns die Formen und Bedeutungen überzeugen, uns gefallen oder von uns „gerne gesehen werden“. Erforscht werden von uns Codierungen (bildlich, zahlig, schriftlich), Regeln (verabredete oder gesetzte Nutzungsweisen von Codes und Codierungssystemen), Normen (verbindliche, Zusammenhänge eingrenzende Freiheitsgrade der Regeln), Formalisierungen (vom einzelnen Menschen abgesetzte „unpersönliche“ Verfahren zur Verständigung), Praktiken (die durch Regeln und Normen ermöglichten und begrenzten Handlungsweisen, die situativ entwickelt werden), Institutionen (von Blutsbande, Sippenpflichten oder Kollektiven abgesetzte „allgemein verbindliche“ Formationen), Artefakte (materielle Hervorbringungen von Geräten über Konsumartikel bis hin zu Stadtarchitekturen), Wissensrealitäten (vom instrumentellen körperlichen Wissen bis zu komplexen Wissenschaftssystemen), Technologien (von Gedankentechniken bis zu digitalen Prozesstechnologien) und Medialitäten (zeit-räumlich nicht begrenzte Zeichen, Darstellungs- und Verständigungssysteme unterschiedlichster Materialität und sensorischer Bindung).

Vier wichtige Orientierungen.

Vier grundlegende Eingrenzungen, die unsere Erkenntnisbereiche bestimmen, sind damit verbunden:

  • Selbstorganisation: Wir gehen davon aus, dass jede Menschengruppe, die Art und Weise ihrer Lebenszusammenhänge und internen Regeln selbst organisieren. Dies schließt mit ein, ständig zu berücksichtigen, was „woanders“ geschieht, aber auch zu bedenken, wohin die Gruppe, die soziale Ordnung, die Wissensanforderungen usw. sich entwickeln sollen. Neben der Struktur einer solchen Selbstorganisation interessiert uns auch die Sinnsetzung, die Fülle oder die Einfachheit von Erwartungen.
  • Gegenwartsbezug: Aus diesem Verständnis heraus begründet sich ein Forschungseinstieg in Gegenwart. Ausgeschlossen ist damit Ableitung von Aussagen aus irgendwelchen großartigen Ordnungsbegriffen; ausgeschlossen ist aber auch eine Herleitung heutiger Lebensverhältnisse aus vermeintlich historischen „Gründen“.
  • Universalität: Unser Menschenverständnis beruht auf der Überzeugung, dass der Homo sapiens sapiens durch Wanderungen der zurückliegenden 150 000 Jahre sich überall auf dem Globus anwesend gemacht hat. Die Menschengruppen erfuhren und erzeugten Veränderungen, erfanden sich in sehr unterschiedlichen Weisen ihre Lebenszusammenhänge, machten sich regional ansässig und erzeugten das, was wir universale Varietät nennen.
  • Wechselwirkungen: die drei zuerst genannten Bereiche sind einem Erkenntnismodell verbunden, das an dynamischen (rückbezüglichen) Wechselwirkungen orientiert ist. Hierdurch wird es uns möglich, ohne eine vorschnelle, evtl. arrogant wirkende Bewertung von Wirtschafts-, Produktions-, Wohn- oder Regierungsweisen, die Prozesse und Programme jeweiliger Lebensrealität zu untersuchen. Hierdurch wird es auch möglich, die Veränderungen von agrarischen, urbanen, technologischen, wissenschaftlichen oder medialen Umwelten wissenschaftlich zu beschreiben und zu erklären.

Es ist uns wichtig, Veränderungen und ihre Wirkungen zu erklären.

Diese Konzepte sind mit dem Forschungs- und Lehrinteresse des Institutes verbunden: Vielfalt und Veränderungen menschlichen Lebens. Nun steht Veränderung in sprachlicher Nähe zu Entwicklung (development) oder Evolution. In vielerlei Rückblicken können wir weder „bedingte Entwicklungen“ noch „abhängige Weiterentwicklungen“, von uns als Koevolution verstanden, in Abrede stellen.

Allerdings nehmen wir weder eine einheitliche Entwicklung noch eine vereinheitlichende Entwicklung an. Ausgehend von der offenen Pluralität menschlichen Denkens, Planens, Organisierens, Wissens nehmen wir zugleich an, dass alle Menschengruppen immer in zeitlich „nahen“ oder „fernen“ Beziehungen zu einander standen und stehen werden. Das schließt aus, von festen Fortschrittszielen zu sprechen oder genetische Determination von Formen des Sozialen zu vertreten. Die darin begründete Anforderung lautet: sucht nach den internen Wechselwirkungen, nach den Logiken der Lebenszusammenhänge und seid auf vielfache Überraschungen vorbereitet.

Weder Denken, Staat, Kunst, Medien, noch Tontöpfe, MP3, FAX, DIN, ASCII, Gedichte, Lieder, Tischsitten und Kleiderordnungen sind biologisch vorgesehen. Allerdings sind sie biologisch möglich, sonst gäbe es sie nicht. Die darin liegenden Entwicklungsthemen zu erforschen, ist eine der wichtigen Aufgaben des Institutes. Diese Themen liefern die Inhalte für ein Fach, dessen Wissen beansprucht, nicht nur Prozesse zu kommentieren, sondern Menschen dazu befähigt, sich mit präziser Aufmerksamkeit und zugleich sachlich-vielschichtiger Sensibilität zu beteiligen.

Wissenschaft vom unbeständigen menschlichen Leben.

Anthropologie ist, so verstanden, die Wissenschaft vom unbeständigen menschlichen Leben, von den Milliarden biologischer Individuen und den ständig neuen und anderen Versuchen dieser, „irgendetwas“ gemeinsam zu machen, zu erreichen, zu schaffen. Keine Sprache, keine Straße, kein Algorithmus, kein Flugzeug, kein Server und kein Knecht sind durch die Biologie des Menschen vorgegeben. In bestimmten Zeiten haben sie aber „Bestand“, werden eingesetzt, dienen als Herrschaftsmittel oder Zusage für Gedanken- oder Bewegungsfreiheit.

Um dies anthropologisch erforschen zu können, stellen wir uns nicht auf die Seite des Bestands (oder der einfältigen Determination). Wir stellen uns auf die Seite des Unbeständigen und erforschen die Programme und vielfältigen, veränderungssensiblen Logiken, die Menschen erfinden, um mit sich und ihren eigenen Erfindungen zu unterschiedlichen Zeiten „klar zu kommen“.

Die Paradoxie des Faches: Der Mensch ist nicht-alltäglich, Menschen sind alltäglich.

Mit dieser Ausrichtung ist es weder ausgeschlossen, historische Dimensionen zu berücksichtigen, noch sozialwissenschaftliche Längsschnittuntersuchungen oder alltagsorientierte Mikrostudien durchzuführen. Unter den vier markanten Orientierungen reichen jedoch weder Geschichte, noch Gesellschaft, noch Alltag als einzige erklärungskräftige Kategorien für unsere Forschung und Ausbildung.

Kulturanthropologie widmet sich dem Alltäglichen – den selbstverständlich, nicht weiter bedachten Geltungen, den Routinen, den fraglosen Standards, den Ohnmacht- oder Abhängigkeitsgefühlen von Menschen – gerade unter den Fragen nach dem Nicht-Alltäglichen. Hier sind die Logiken, Programme, die überzeitlichen Bedingungen zentral, aus denen heraus Gebrauchszusammenhänge von Technologien, Gedanken, Medien, Maschinen, Plätzen neu entstehen und verändert werden.

Europäische Ethnologie grenzt zwar die Universalität auf eine Region ein, allerdings in dem Wissen darum, dass diese Region nicht ohne wissensgeschichtliche, wanderungspolitische, weltökonomische entstanden wäre oder sich selbst nicht benennen könnte. Struktur- und organisationsbildende Erfindungen des Menschen erzeugen zwar alltägliche Phänomene, können jedoch nicht über diese erklärt werden.

Kulturanthropologie ist aus diesen Gründen eine Querschnittswissenschaft (gegenwartsbezogen) in strikter Verbindung mit grundlagenwissenschaftlichen Fragestellungen.

Fachliche Bindungen an Biologie und Technologie der Realität.

Diese Bindung von Querschnitt und Grundlage zieht seit geraumer Zeit das Spannungsverhältnis von Biologie der Realität und Technologie, Medialität und Künstlichkeit der Realität auf sich. Die Anforderungen und Herausforderungen an das universitäre Fach Kulturanthropologie sind erheblich. Die Gründe sind dafür sind vielfältig.

Über viele Jahrzehnte des 19. und des 20.Jhs. wurde mit Biologie eine überhebliche, rassistische, euro- oder ethnozentristische Sicht verbunden. Wenn nun seit gut zwei Jahrzehnten der Versuch unternommen wird, Biologie als universales und mithin auch anthropologisches Prinzip einzuführen, um aus Erklärungsdefiziten herauszukommen, so stößt dies nicht auf selbstverständliche Offenheit.

Mit Technik und deren Nutzungsprogrammatik, Technologie, verbindet sich eine ähnliche Ablehnung oder Distanz. Diese folgen allerdings nicht schuldhafter Verwendung, sondern einer mit der Industrialisierung aufkommenden Ablehnung von Maschinen und Technik als Machtinstrumente, – oft verpackt in Zivilisations- und Modernitätskritik.

Das Frankfurter Institut tritt für einen vorbehaltlosen, gleichwohl wissenschaftlich differenzierten Umgang mit diesen uneinheitlichen Universalien ein. Wir können heute keine einzige menschliche Realität ohne materiell-technologische Umwelt beschreiben. Zugleich müssen wir uns den Fragen danach stellen, wie es dem biologischen Wesen Mensch möglich wurde, die künstlichen Universalien Zeichen, Zahlen, Logiken, Technologiken, Medien in der vorliegenden Vielzahl zu entwerfen und zu Selbstverständlichkeiten werden zu lassen.

Da wir annehmen, dass weder kreative Interaktivitäten noch Kooperationen und anpassende Innovationen „erschöpft“ sind, wird es gerade unter Globalisierungsbedingungen zunehmend wichtig, die Anthropo-Logiken dieser Varietäten zu erklären und zu begleiten.

Wechselwirkungen und Koevolution.

Anthropologie verstehen wir als eine Menschen(er-)forschung, die von keinem festgelegten Menschenbild ausgeht, von dem aus irgendeine Vorstellung abgeleitet werden kann. Entgegen jeglicher Ableitung gehen wir grundsätzlich von entwicklungsoffenen Prozessen aus. Durch ihre Erforschung wird erklärt werden können, wie es kommt, dass die menschlichen Gene und das menschliche Gehirn sich seit ca 40.000 Jahren nicht verändert haben, dennoch eine aufregende Vielzahl von Despotien, Utopien, sozialen Ordnungen, Demokratien, autoritären Ökonomien, Kooperationsformen, Abhängigkeitssystemen, universalen Hoffnungen, Such- und Wanderungsbewegungen, Menschenrechten hat entstehen können, und diese Prozesse weitergehen.

Wir untersuchen diese Veränderungen unter dem Begriff der Koevolution des menschlichen Denkens und Handelns mit den sich ständig durch ihn verändernden Umgebungen. Menschen verändern sich durch die Erfindungen ihrer Vorfahren und durch die eigenen, sowie durch Kooperationen und Konkurrenzen, durch Abgrenzung des Sozialverhaltens und entwicklungsoffene, großzügige Föderationen.

Der Gedanke der Koevolution spricht in einer doppelten Weise die biologische Realität des menschlichen Lebens an: er verdeutlicht, dass sich der Homo sapiens biologisch von seinen Vorfahren unterscheidet. Obzwar in nur wenigen Prozenten genetisch, reichen diese, um eine von der Biologie ermöglichte künstliche Entwicklung von frühen Zeichenerfindungen bis zu gegenwärtigen High-End-Technologien zu erzeugen. Zugleich ist mit dem Terminus Koevolution angesprochen, dass nicht abgeleitet werden kann. Wissenschaftlich müssen wir die Programme erklären und verstehen lernen, die es dem Menschen (allgemein) und den Menschen (in der konkreten Besonderheit) ermöglichen, durch experimentelle, entwerfende, planerische, anpassende Aktionen, durch Instrumente, Zahlen-, Bild- und Zeichenordnung jedweder Variation Um- und Mit-Welten zu „bauen“.

Anthropologie und das sekundär Soziale.

Um nicht in eine biologische Falle zu treten, ist es dafür hilfreich, zwei Beobachtungsebenen zu unterscheiden. Wir nennen sie die primären und sekundären biologischen Realitäten. Die ersten sind begründet in der festgelegten Biologie des Menschen, in seiner Fähigkeit, die Absichten und Interessen anderer Menschen voraus zu denken und dies in direktem Gruppenleben zu beeinflussen (primäre Sozialfähigkeit).

Die zweiten Realitäten sind begründet in den Freiheitsgraden des menschlichen Gehirns, Zeichen, Instrumente, Abstraktionen, Regeln, Normen, Sprachen, Technologien, Wissenschaften zu erfinden, zu entwerfen, zu überdenken und zu organisieren (sekundäre Sozialfähigkeit). Während sich die primäre Sozialfähigkeit gegenüber den Schimpansen nicht wesentlich verändert zu haben scheint, sind in den universalen Dynamiken der sekundären Sozialfähigkeit phantastische und bedrohliche, hilfreiche und zerstörerische, ökologische und rücksichtslose Modelle menschlichen Wissens, menschlicher Technologien und Sozialsysteme entstanden. Und die Dynamiken sind nicht abgeschlossen.

Innerhalb dieses zweiten, koevolutionären Forschungs- und Theoriefeldes ist eine wichtige Grundposition unseres Instituts angelegt: es geht uns um universale Prozesse, die vom aufrechten Gang, über die Entstehung musischer, ästhetischer, instrumenteller Intelligenz (z.B. Wurfspeer, Faustkeil, Feuererzeugung, Gefäße formen und brennen), über abstrahierende Intelligenz (Zeichen, Bilder als Speicher, Symbolordnungen, Schriftsysteme, Rechensysteme), bis zu abstrakter entwerfender Intelligenz (Maschinen, Wissenschaftssysteme, Technologien, Medien) und heutiger medialer Intelligenz (Künstliche Welten, cybernetische virtuelle Räume, Second Life, Web 2.0) reichen. Das menschliche Leben in seinen konkreten und abstrakten Reichtümern zu erforschen hat dabei immer auch den Bezug zu aktuellen Lebenszusammenhängen, zu Gesellschaften, Institutionen, regionalen Ordnungsweisen und globalen Vernetzungsprozessen.

Wir vertreten also die Grundpositionen eines biologischen Realismus (primärer Lebensbezug) und eines materiellen Realismus (sekundärer, künstlicher Lebensbezug), der für jeden Menschen gilt, nehmen aber zugleich an, dass mit jeder Interaktivität, jeder Kooperation, mit jedem Wunsch, etwas zu überdenken, mit jeder Ablehnung oder freudigen Begrüßung von Neuem, ganz gleich wie erfüllbar oder unerfüllbar dies erscheint, sich die Selbstorganisation menschlichen Lebens, und damit seine Zukunftserwartungen verändern, ebenso wie die Programme und Logiken überraschend aufkommender, einfacher oder komplexer Umwelten. Dies schließt für Kulturanthropologie ist als Querschnittswissenschaft mit ein, sich mit den Wissensbeständen von Informatik, Physik, Biologie, Kognitionsforschung, Kunst und Design zu befassen, sofern sie in das reiche Konzept einer Menschwissenschaft integriert werden können.

Anthropologie nach dem Ende moderner sozialer Betriebssysteme.

Nun könnte man denken, dass die Beschäftigung mit sekundärer Sozialfähigkeit das Aufgabenfeld der Soziologie sei. Dies stimmt, aber nur bezogen auf sog. moderne Gesellschaften, die die Industrialisierung, Systeme der Arbeitsteilung, der Verwaltung und Bürokratisierung in sich für sich entwickeln mag dies gelten.

Die Begrenztheit dieses methodischen und wissenschaftlichen Profils kann man daran erkennen, dass eine Soziologie des Feudalismus ebenso „nachgemacht“ wäre, wie eine Soziologie der wandernden Menschengruppen z.B. vor 100.000 Jahren. Wir sehen einige andere Probleme, die mit dem Ende der technischen, ökonomischen, infrastrukturellen und administrativen Betriebssysteme moderner Gesellschaften verbunden sind. Menschen sind zusehends damit beschäftigt, sich in Kommunikations- und Datennetzwerken jenseits eines Unternehmens, jenseits der Universität oder Familie umzutun, ihr Leben über globale digitale Netze ökonomisch, administrativ, karrierepolitisch zu „managen“. D.h. immer mehr Menschen suchen andere Gestaltungs-Modelle als „die Gesellschaft“ für ihre Fähigkeit, ihre Wünsche und ihren Bedarf nach sekundärer Sozialorganisation.

Als ein universales Format bilden sich netzintegrierte Communities of Projects heraus. Das überlieferte Modernitätsmodell des Sozialen ist eines auf Widerruf geworden, eines ohne Zusagen. Es ist ein Leben bei individualisiertem Risiko, ein prekäres Leben. Anthropologische Forschung kann hier den Fragen nachgehen, aus welchen vorgesellschaftlichen Programmen moderne Gesellschaften entstanden und welche überführende Programme ein nach-gesellschaftliches Kooperations- oder Konkurrenzsystem ermöglichen. Insofern ist Anthropologie längst zu Transformationsforschung geworden, für die das Frankfurter Institut auch steht.

Anthropologie des Medialen.

Eines der robustesten Programme, das bislang jede Variante sekundärer Sozialorganisation überstanden hat, ist die mediale Selbstbefähigung des Menschen. Seit der in seinem Ausdrucksverhalten entdeckten Fähigkeit, Bilder zu erzeugen, Zeichen auf Knochen, an Wänden, auf Holz zu hinterlassen, mit Darstellung auch Aussagen, Nachrichten und Bedeutungen zu verbinden, sind universale Varianten medialer Selbstbefähigung dokumentiert.

Diese Ausdehnung und Intensivierung von Zeichen-, Zahl-, Bild-, Bewegungssprachen, deren Speicherung und Transport oder Transfer, haben bislang jede soziale Organisation überlebt und sind vielleicht gerade in diesem „Überleben“ noch stärker geworden. Gesellschaften und Medien(geräte) vergehen, die mediale Selbstbefähigung bleibt bestehen. Dies ist ein weiterer Grund dafür, Grundlagenforschung mit Querschnittsforschungen zu verbinden, in diesem Wahrnehmungsforschung mit der Erforschung der materialen und abstrakten Strukturen medialer Selbstorganisation von Menschengruppen zu verbinden.

Im Frankfurter Ansatz der Anthropologie des Medialen (Forschungsnetzwerk Anthropologie des Medialen / FAMe_Frankfurt) wird dies bezogen auf die Erfindung und Ausbreitung elektrischer, elektronischer und digitaler Technologien umgesetzt. Dies ist ein Beispielsbereich für die Einbeziehung von Biologie (multisensorische Wahrnehmung) und Technologie (multimediale Interfaces) in die Anthropologie.

Migrationen, Transfers, Vernetzungen: die aktuellen Prinzipien des unbeständigen Lebens.

Die These von dem Ende der Betriebssysteme moderner Gesellschaften zieht die Frage auf sich: was kommt nach „der Gesellschaft“? Beginnen in Gesellschaften Prozesse, die dazu führen, dass Menschen von ihren „eigenen“ Gesellschaften vertrieben werden, die Bindungsgründe weniger werden, die Ansässigkeit keinen Grund mehr hat, außer Alter, Krankheit, Resignation, starke emotionale Bindung oder Desinteresse? Wie sieht sie aus: Society Next Generation? Um diese Fragen diskutieren, um sie beantworten zu können, sind anthropologische Forschungen unerlässlich.

Auch der klassische Kulturbegriff mit seiner territorialen Fixiertheit, der ethnologische Forschungen lange Zeit prägte, ist zur Analyse dieser Prozesse untauglich. Längst werden in der Kulturanthropologie und Europäischen Ethnologie in Frankfurt daher weniger ethnographische Langzeitforschungen an einem klar abgrenzbaren Ort vorgenommen als neue Forschungsmethoden wie die sogenannte „multi-sited ethnography“ umgesetzt und weiterentwickelt, die es erlauben, die Mobilität von Menschen, überlokale Vernetzungen von Organisationen und die Mehrortigkeit von kulturellen Prozessen in den Blick zu nehmen.

Der Gegenstandsbereich empirisch arbeitender kulturanthropologischer Forschung kann so auf Migration und Tourismus, Transnationalität und Transkulturalität ausgedehnt werden; die europäische Integration und Globalisierungseffekte in der Stadt- und Regionalentwicklung ebenso wie Grenzkonflikte und Prozesse der In- und Exklusion sind für uns von Interesse. Unternehmenskulturen, transnational zirkulierende Kompetenzen, Technologieentwicklung, analoge und digitale Medienräumen, e-Learning, die e-Readyness von Universität, Institutionen und Öffentlichkeiten werden genauso erforscht wie die Verwissenschaftlichung von Gesundheit, Ernährung, Lebensstilen und Konsum.

Nicht zuletzt ist Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie auch eine Reflexionswissenschaft, die die Indienstnahme und Nutzung der von ihr geprägten Begriffe und Erklärungsmodelle – allen voran „Kultur” – in gesellschaftlichen Diskursen analysiert. Nicht zuletzt sind deswegen auch kulturelle Formate, die – wie z.B. Ausstellungen, Museen, Konzerte und Feste – die Forschungsergebnisse der Kulturanthropologie einem weiteren nichtwissenschaftlichen Publikum erschließbar machen, zu einem wichtigen Forschungsfeld des Faches geworden.

Um diese Fragen diskutieren, um sie beantworten zu können, sind anthropologische Forschungen unerlässlich. Das Frankfurter Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie ist hervorragend aufgestellt, ihnen in Forschung und Lehre nachzugehen und so die eingangs genannten vier Fachorientierungen umzusetzen.